Universitätsbibliothek Wien

"Ich glaube, wenn man Filme macht, muss man etwas vom Theater verstehen."

Bauer, Hanna (2010) "Ich glaube, wenn man Filme macht, muss man etwas vom Theater verstehen.".
Diplomarbeit, University of Vienna. Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
BetreuerIn: Marschall, Brigitte

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Abstract in German

Rainer Werner Fassbinder war in seinen frühen Jahren in einem kleinen Münchner Kellertheater als Schauspieler, mehr jedoch als Regisseur und Autor tätig, dem so genannten action-theater und späteren antiteater. Ganz im Sinne der antiautoritären Bewegung, die in der BRD in den sechziger und siebziger Jahren von verschiedenen Gruppierungen getragen wurde, versuchten die Mitglieder der Truppe von 1967 bis 1971 die Utopie einer Arbeits- und Lebensgemeinschaft zu verwirklichen, die in beiden Bereichen an dem autoritären Charakter Rainer Werner Fassbinders scheiterte. Diese Freie Gruppe lehnte den Betrieb eines institutionalisierten Theaters ab und arbeitet ohne funktionierende Theatermaschinerie im Hintergrund. Die sich daraus ergebende oft finanzielle prekäre Lage schränkte die künstlerische Arbeit jedoch keineswegs ein, man arbeitet mit den zu Verfügung stehenden Mitteln und erklärte das Experiment sowohl in formaler als auch inhaltlicher Sicht zum höchsten Gut. Getrieben von Rainer Werner Fassbinder und seinem wahnsinnigen Produktionsrausch entstanden viele heterogene Stücke, die sich wie Fassbinder als Theaterkünstler selbst nicht als Einheit fassen lassen. Fassbinder nahm von vielen bestehenden Theatertraditionen und –konzeptionen Anleihen (dem Volksstück der Marieluise Fleißer, Antonin Artaud und auch Brecht) und scheute nicht davor zurück, Klassiker der Weltliteratur, entweder mit oder ohne Respekt, zu zertrümmern und nach seinem Sinne neu zusammenzusetzen. So geschehen unter anderem bei Iphigenie auf Tauris nach Johann Wolfgang von Goethe, deren Prätext Goethes Iphigenie auf Tauris er mit zeitgenössischem Material wie Zitaten von Mao Tse Tung oder der Kommune 1 neu montierte und so in seinen zeitgeschichtlichen Kontext transferierte. Fassbinder vertrat keine bestimmte politische Ansicht, in deren Dienste er seine Arbeit stellte; er war ein politischer Freigeist, der in alle Richtungen seinen kritischen Blick warf und Missstände, vor allem in gesellschaftlichen Mechanismen, aufzeigte, gleich wessen Unmut er damit provozierte. Dabei stand ihm ein relativ konstantes Team zur Verfügung, das ihm ebenso bei dem kurzen Ausflug an eine staatliche Bühne sowie später in das Medium Film folgte. Fassbinders Zeit beim action-theater und antiteater wird oft marginalisiert und als unbedeutend dargestellt, darf aber in keiner Weise unterschätzt werden. Neben der Bekanntschaft von einigen lebenslagen Wegbegleiten wie Hanna Schygulla, Kurt Raab oder Irm Hermann bereitete die dortige Arbeit ihn auf sein weiteres Schaffen vor, ja schuf die Basis für seinen Erfolg als einer der bedeutendsten deutschen Filmemacher.

Schlagwörter in Deutsch

Rainer Werner Fassbinder / antiteater / action-theater

Abstract in English

Rainer Werner Fassbinder is mainly known for his achievements in the medium film, whereas the crucial point of his career can be dated in the 1970s when the German filmmaker started his artistic career in another discipline, the theatre. Working in a Munich “Kellertheater” from 1967 – 1971 he not only learned important techniques and artistic practices he could apply to his later main discipline, the film, but also he met those people, who would follow both his personal and artistic path throughout the years. The action-theater and later antiteater provided him with ground he could nurture his artistic skills on and bring to perfection in his later career. To provide an insight of this time and its social matters and patterns the sociocultural background in the FRG (Federal Republic of Germany) during the 1970s is examined. The time was influenced by the movement of the so called “flower power generation” in 1968 that fought for different objects and matters, mainly national political matters, in the FRG. Anti-authority and freedom were proclaimed in many different areas of life and work. Not only time-historical events but also the theatrical situation is important to constitute the context, in which Fassbinder started to work in this free group of theatre makers. Hence, the theatre landscape in the FRG is drawn to a closer look, which consisted of the public theatres, following the system of subscription and tradition, of student theatre, street theatre, free groups without any institutional and hence financial backup and not to forget the theatrical forms of the protest of the anti-authoritarian movement, like the members of the "Kommune 1" in Berlin became famous of. Fassbinders collective work in the underground theatre in Munich (another claim of the 68er movement) turned out to be impossible due to Fassbinder’s authoritarian character. The author Rainer Werner Fassbinder wasn’t afraid to pick up existing theatre traditions, concepts and even works (melodrama, concepts of the critical Volksstück, works from Sophocles, Goethe or Marieluise Fleißer) and use them for his own, be it in a respectful or criticising way. With each work he started a new concept, a new aesthetic, which makes it so difficult to demonstrate his own style, its characteristics. Fassbinder’s style was that of an experiment and hence never coherent to anything he has done before. As an example of a Klassikerzertrümmerung, the destruction of a classical literary work, Fassbinder’s Iphigenie auf Tauris nach Johann Wolfgang von Goethe, which he constructed with current material such as citations to contextualize it to his present time, is analyzed. With this method, Fassbinder not only satirises the original of Goethe but also makes it relevant to his time, the FRG in the 1970s.

Item Type: Hochschulschrift (Diplomarbeit)
Author: Bauer, Hanna
Title: "Ich glaube, wenn man Filme macht, muss man etwas vom Theater verstehen."
Subtitle: die Theaterarbeit Rainer Werner Fassbinders am action-theater und antiteater
Umfangsangabe: 150 S.
Institution: University of Vienna
Faculty: Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Publication year: 2010
Language: ger ... Deutsch
Supervisor: Marschall, Brigitte
Assessor: Marschall, Brigitte
Classification: 24 Theater, Film, Musik > 24.00 Theater, Film, Musik: Allgemeines
AC Number: AC08112289
Item ID: 8281
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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