Universitätsbibliothek Wien

Das Nibelungenlied nach der Handschrift d des "Ambraser Heldenbuch" (Codex Vindobonensis Ser. nova 2663, Wien, Österreichische Nationalbibliothek); Transkription und Untersuchungen

Pritz, Roswitha (2009) Das Nibelungenlied nach der Handschrift d des "Ambraser Heldenbuch" (Codex Vindobonensis Ser. nova 2663, Wien, Österreichische Nationalbibliothek); Transkription und Untersuchungen.
Dissertation, Universität Wien. Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
BetreuerIn: Reichert, Hermann

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URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-29043.50215.126764-2
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Abstract in Deutsch

Die Nibelungenliedhandschrift d des Ambraser Heldenbuchs, Codex Vindobonensis, Series nova 2663, bietet 2005 Strophen, ist aber unvollständig, da einige Seiten frei gelassen wurden, offenbar in der Absicht, den aus der Vorlage nicht reproduzierbaren Text später nachzutragen. Neben der diplomatischen Transkription der Handschrift war es Ziel dieser Arbeit, die Entstehung dieser Nibelungenliedversion zu untersuchen. Die Handschrift wird dem Mischkomplex *J/*d zugeordnet, der sich durch seine Orientierung am *B-Text des Nibelungenliedes, aber durch die Aufnahme von Zusatzstrophen aus einer *C-Version auszeichnet. In Handschrift d finden sich neben der Eingangsstrophe C1 auch 22 Zusatzstrophen aus der *C-Fassung, wobei eine doppelt abgeschrieben wurde und insgesamt sieben Strophen eine andere Stelle als in *C einnehmen. Über das Zustandekommen dieser Mischfassungen wurden einige Theorien entwickelt, wobei sich in diesem Teilaspekt der Nibelungenliedforschung die Theorie der sekundären Mischung von Karl Bartsch gegenüber der Theorie Wilhelm Braunes, wonach die *C-Version des Nibelungenliedes aus einer *d-Version über eine *J-Version entstanden sei, in der Forschung durchgesetzt hat. Da Handschrift d nur etwa ein Drittel der Mehrstrophen aus der *C-Fassung besitzt, stellt sich die Frage, ob dem Bearbeiter ein *C-Exemplar vorlag, das nicht mehr Zusätze besaß, oder ob er nach bestimmten Kriterien auswählte. Die vorliegende Untersuchung konnte – auch im Vergleich mit den anderen Vertretern der Mischgruppe J und H - zeigen, dass eine bewusste Auswahl der Strophenzusätze nicht plausibel erscheint, da es zum Ersten in der Umgebung, in der diese Plusstrophen stehen, zu Unstimmigkeiten im Kontext kommt, die die *C-Fassung bereinigt hat. Zum Zweiten tauchen diese Zusätze teilweise an falscher Position im Text auf, was den Rückschluss zulässt, dass sie zuerst am Rand nachgetragen waren und in einer späteren Abschrift durch missverständliche Einweisung an die falsche Stelle gelangten. Eine Bestätigung konnte in der Tatsache gefunden werden, dass die Plusstrophen keine eindeutige inhaltliche Tendenz aufweisen, die auf eine bewusste Auswahl schließen ließe. Die Zusatzstrophen wurden also nicht sorgfältig nach einem Kriterium ausgewählt, sondern planlos am Rand eines Textes der *B-Fassung ergänzt, in der Absicht, ein möglichst ‚vollständiges’ Exemplar zu haben. Das *C-Exemplar des Bearbeiters besaß offensichtlich nicht mehr Zusatzstrophen. In einem zweiten Schritt wurde dem Verhältnis von d zu dem Nibelungenliedfragment O nachgegangen, das seit seiner Entdeckung durch Friedrich von der Hagen als Vorlage für Handschrift d angesehen wird. Nibelungenlied d zeichnet sich durch eine fast wortwörtliche Übereinstimmung zu O aus, es finden sich aber einige Diskrepanzen, die eine definitive Aussage nicht zu lassen. Die enge Verwandtschaft von d zu O ist offensichtlich. Ob es sich bei beiden Handschriften aber um Mutter-Tochter-Handschriften handelt, ist nicht eindeutig festzustellen, da von O zu wenig Material vorhanden ist. Durch einen Vergleich der Lesarten in d mit den übrigen Vertretern des Mischkomplexes *J/*d – HJO - konnten einige Gemeinsamkeiten ermittelt werden, die sich schon in der Stammhandschrift der Gruppe befunden haben müssen. Weiters konnte gezeigt werden, dass die Bezeichnung ‚Heldenbuch an der Etsch’ für das Fragment O auf einer Missdeutung des Auftrages Kaiser Maximilians beruht, der anordnete, das Heldenbuch an der Etsch ausschreiben zu lassen. ‚An der Etsch’ meint aber nicht den Namen des Heldenbuches, sondern den Ort, wo diese Abschrift erfolgen sollte und wohin der Schreiber entsendet werden sollte. Um die Entstehung der Handschrift d zu verdeutlichen, wurde weiters die Arbeitsmethode Hans Rieds untersucht, wobei gezeigt werden konnte, dass Ried sich zwar getreu seinem Auftrag, ein Heldenbuch auszuschreiben, an die Vorlage hielt, ihm aber doch Fehler bei der Abschrift unterlaufen sind. Deutlich wurde, dass er keine Kenntnis des Mittelhochdeutschen und des Versbaus besaß. Unterschieden wurden hier bewusste und unbewusste Änderungen. Unter erstere fallen die Modernisierungen durch Ried im Sinne des frühneuhochdeutschen Sprachgebrauchs, die der Zeitabstand zur Vorlage von mehr als 200 Jahren mit sich brachte. Durch diese sprachlichen Änderungen wurde des Öfteren das Metrum verletzt. Weiters änderte Ried stellenweise sinnwidrig, wo ihm das Verständnis der Vorlage schwer fiel. An unbewussten Änderungen wurden Verlesungen, Fehler durch Abschweifen der Augen, wodurch es zu Auslassungen einzelner Wörter, aber auch Halbverse kam, und Wortumstellungen herausgearbeitet, die in der Arbeitsweise Rieds, Halbzeilen zu lesen und dann aus dem Gedächtnis niederzuschreiben, begründet sind. Im Allgemeinen konnte festgestellt werden, dass der Schreiber stellenweise mit seiner Aufgabe überfordert war und wenig in den Sinn des Textes eingedrungen ist, jedoch nicht interpretierend in den Text eingegriffen hat. Durch seine Leistung als Kopist ist uns aber doch eine gute Abschrift des Nibelungenliedes überliefert.

Schlagwörter in Deutsch

Nibelungenlied / Handschrift / Ambraser Heldenbuch

Abstract in Englisch

The Nibelungelied-manuscript d in the Ambraser Heldenbuch, Codex Vindobonensis, Series nova 2663, exhibits 2005 stanzas. It is, however, incomplete since some pages are left blank, obviously in order to add the part of the text not reproducible in the source at a later point in time. Besides the diplomatic transcription of the d-text, this dissertation focuses on the question of the origin of this version of the Nibelungenlied. Manuscript d belongs to the hybrid complex *J/*d characterized by its concentration on the *B-text, while also containing a series of supplemental stanzas of a *C-version. In manuscript d, there are to be found, besides the introductory stanza C1, 22 extra stanzas of the *C-version, though one was copied twice and seven stanzas take a different position than in *C. Several theories were discussed about the origin of this hybrid versions, a discussion in which Karl Bartsch´s theory of a secondary mixing of texts is nowadays regarded as more likely than Wilhelm Braune´s, who assumed that the *C-version of the Nibelungenlied was originated in a *d-version passing through a *J-version. As manuscript d exhibits only about one third of these supplemental stanzas, the question arises whether the editor had only a *C-manuscript at his disposal, which did not contain more extra stanzas, or whether this editor selected several *C-stanzas according to certain criteria. In comparison to the other representatives of the hybrid complex – manuscript J and fragment H, this dissertation could demonstrate that an intentional selection seems not to be likely since, firstly, these extra stanzas do not fit into the context at all, a context, which version *C adapted to the coherence of the narrative. Secondly, these stanzas appear partly in a different position, which leads to the conclusion that they first were added in the margins. Only in a later copy, they were inserted into the text on a wrong position because of unclear marking. The strongest argument could be found in the fact, that the supplemental stanzas do not indicate a definite common tendency with reference to their content, which would demonstrate an intentional selection. These supplementary stanzas were not selected by following certain criteria, but they were added in the margins of a *B-text in order to get a ‘complete’ version of the Nibelungenlied. The *C-version of the scribe did not contain more extra stanzas than manuscript d exhibits. The second topic discussed is the relation of manuscript d to fragment O which is, since its discovery by Friedrich von der Hagen, regarded as direct source for the scribe of d Hans Ried. Nibelungenlied d indicates an almost word-for-word correspondence, but there are, however, several deviations which do not permit a definite conclusion. The close relationship of O and d is obvious, but it can not be established with certainty that we have “mother” and “daughter” manuscripts, since the material of O is too little. Through a comparison of d and the other representatives of the group *J/*d – HJO – the common wording was to be determined, which the forerunner of this hybrid complex must have contained as well. Furthermore, it could be demonstrated that the name Heldenbuch an der Etsch for fragment O is based on a misinterpretation of Emperor Maximilian´s order to copy the Heldenbuch an der Etsch. An der Etsch does not describe the name of the heroic collection but the place where the scribe was supposed to be sent and where he was supposed to work on the copy. Furthermore, this dissertation deals with Hans Ried´s working method and it could be demonstrated that Ried, according to Maximilian´s order, copied his source faithfully but, however, made several mistakes. It became evident that he had no knowledge of Middle High German and of the metrics. This examination distinguished intentional and unintentional modifications. Intentional modifications concern the modernization through the usage of the German language at the beginning of the 16th century. Often, the metrics are disturbed by these linguistic modifications. Additionally, Hans Ried partly modified nonsensically where he misunderstood or misinterpreted his source. Unintentional modification concerns misreading and losing the line while copying. In these cases, it came to omission of single words or even of entire verses. Changes of the positions of words are caused by Ried´s working method to read one or two lines and then to write them down from memory. In general, it was to be established that the scribe partly was overtaxed by his task and that he did not pay attention to the meaning of the text. However, he did not modify the text by reinterpreting it. Through his performance as scribe, a good copy of the Nibelungenlied has been passed down to us.

Dokumentenart: Hochschulschrift (Dissertation)
AutorIn: Pritz, Roswitha
Titel: Das Nibelungenlied nach der Handschrift d des "Ambraser Heldenbuch" (Codex Vindobonensis Ser. nova 2663, Wien, Österreichische Nationalbibliothek); Transkription und Untersuchungen
Umfangsangabe: 329 S., [2] Bl.
Institution: Universität Wien
Fakultät: Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Publikationsjahr: 2009
Sprache: ger ... Deutsch
BetreuerIn: Reichert, Hermann
BeurteilerIn: Meyer, Matthias
Klassifikation: 17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.71 Literaturgeschichte
18 Einzelne Sprachen und Literaturen > 18.10 Deutsche Literatur
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.81 Epik, Prosa
AC-Nummer: AC07452332
Dokumenten-ID: 7527
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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