Universitätsbibliothek Wien

Gewalt, Geschlecht und Lebenslauf: Wie dynamisch ist der Habitus?

Hertlein, Julia Elisabeth (2017) Gewalt, Geschlecht und Lebenslauf: Wie dynamisch ist der Habitus?
Dissertation, University of Vienna. Fakultät für Sozialwissenschaften
BetreuerIn: Flicker, Eva
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URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-13160.99495.183270-4

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Abstract in German

Im Zentrum des interdisziplinär angelegten Dissertationsprojektes steht die Frage nach den Auswirkungen von (traumatischen) Gewalterfahrungen in der Kindheit auf den weiteren Lebenslauf von Frauen. Die einschlägige psychologische Forschungsliteratur geht davon aus, dass Gewalt gegen Kinder langfristige negative Folgen in verschiedenen Lebensbereichen (z.B. Ausbildung und Beruf, physische und psychische Gesundheit, Partnerschaften) nach sich ziehen kann. Sowohl psychologische, als auch sozialwissenschaftliche Forschungen zu Gewalt im Geschlechterverhältnis belegen, dass Mädchen und Frauen besonders gefährdet sind Reviktimisierungen im späteren Leben zu erleiden (Teen-dating violence, Gewalt in Paarbeziehungen und sexuelle Gewalt). Zusätzlich zeigt sich aus einer Lebenslaufperspektive, dass weibliche Biografien besonderen Strukturierungen unterliegen (z. B. Diskontinuitäten weiblicher Erwerbsbiografien durch familiäre Reproduktionsarbeit, Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie), welche sich im weiteren Lebensverlauf als geschlechtsspezifische Nachteile manifestieren. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Verschränkungen von geschlechts- und generationsspezifischer Gewalt durch das Konzept der symbolischen Gewalt und des vergeschlechtlichten Habitus von Pierre Bourdieu soziologisch fassen und strukturell erklären lassen. Entgegen einer deterministischen Lesart des Bourdieu‘schen Habituskonzeptes, wurde das Veränderungspotenzial des vergeschlechtlichten Habitus anhand der dokumentarischen Auswertung von qualitativen semi-narrativen Interviewdaten mit betroffenen Frauen aufgezeigt. Die Datenauswertung fokussierte auf die Identifikation von dynamischen Momenten in der erzählten Lebensgeschichte und auf die Rekonstruktion von aktiven Bewältigungsstrategien im Umgang mit multiplen biografischen Gewalterfahrungen. Insgesamt konnten sechs Orientierungsrahmen rekonstruiert werden, die als interrelationale Dimensionen einer aktiven Bewältigungshaltung im Umgang mit biografischen Gewalterfahrungen abstrahiert wurden: (1) Betreuung und Schutz von Kindern, (2) Keine Gewalt an Kindern, (3) Abgrenzung gegenüber der Herkunftsfamilie, (4) Bedeutsamkeit von Erwerbsarbeit, (5) Vereinbarkeitsproblematik, (6) Selbstfürsorge. In Weiterentwicklung des Bourdieu’schen Instrumentariums wird somit auf theoretischer Ebene das Konzept eines "dynamischen Habitus" vorgeschlagen. Auf praktischer Ebene wird auf die verschärfte Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie bei Alleinerziehenden (Mehrzahl der Fälle) hingewiesen, und damit präventiv auf den spezifischen Unterstützungsbedarf von alleinerziehenden Müttern mit biografischen Gewalterfahrungen seit der Kindheit aufmerksam gemacht.

Schlagwörter in Deutsch

Habitus / Gewalt im Geschlechterverhältnis / symbolische Gewalt / Bewältigungsstrategien / biografische Interviews / Lebenslauf / Dokumentarische Methode

Abstract in English

This dissertation focuses on the long-term impacts of (traumatic) childhood experiences of violence on female life courses. Previous psychological research suggests that violence against children can have persistent negative effects on various facets of life (e.g., education and professional life, physical and psychological health, relationships). As psychological and socio-scientific research on gender-based violence has shown, girls and women with a previous history of childhood victimisation are particularly vulnerable to revictimisations (in the form of teen-dating violence, intimate partner violence, and sexual violence) later in life. Additionally, a life course perspective shows differences in female and male life courses (e.g., employment discontinuities due to family work) that manifest as structural gender-based disadvantages in female biographies. The present study makes the case that the intersection between gender-based violence and generational violence can be sociologically conceived and structurally explained through the concepts of symbolic violence and gendered habitus by Pierre Bourdieu. In opposition to a deterministic reading of Bourdieu’s habitus concept, this study focuses on the dynamic aspects and the potential for change of gendered habitus. In order to identify and understand this dynamic potential, qualitative semi-narrative interviews with affected women were analysed using the documentary method of interview interpretation. These case studies illustrate that the Interviewees have developed active coping strategies that involve the partial reconsideration of acquired gendered frames of orientation. Overall the study presents the reconstruction of six habitual frames of orientation, which were conceptualized as interrelational dimensions of active coping attitudes: (1) Protection and care for children, (2) Rejection of any violence against children, (3) Distance from the family of origin, (4) Relevance of work, (5) Compatibility of career and family, (6) Self-care. The data furthermore showed that most of the interviewed women preferred to live alone with their children rather than to get involved in further dysfunctional relationships. On a theoretical level, the introduction of a "dynamic habitus" is therefore introduced as a further development of Bourdieu’s analytical framework. On a practical level, this research highlights the conflicting demands of career and family for single mothers which need to be addressed by social support systems.

Schlagwörter in Englisch

habitus / gender-based violence / symbolic violence / coping / biographic interviews / life course / documentary method

Item Type: Hochschulschrift (Dissertation)
Author: Hertlein, Julia Elisabeth
Title: Gewalt, Geschlecht und Lebenslauf: Wie dynamisch ist der Habitus?
Subtitle: eine qualitativ-soziologische Studie zu habituellen Orientierungsrahmen von Frauem mit (multiplen) biographischen Gewalterfahrungen seit der Kindheit
Umfangsangabe: x, 328 Seiten, Diagramme
Institution: University of Vienna
Faculty: Fakultät für Sozialwissenschaften
Studiumsbezeichnung bzw.
Universitätslehrgang (ULG):
Dr.-Studium der Philosophie Soziologie, geisteswissenschaftl.Stzw
Publication year: 2017
Language: ger ... Deutsch
Supervisor: Flicker, Eva
Assessor: Flicker, Eva
2. Assessor: Becker, David
Classification: 71 Soziologie > 71.19 Sozialstruktur: Sonstiges
71 Soziologie > 71.31 Geschlechter und ihr Verhalten
77 Psychologie > 77.59 Entwicklungspsychologie: Sonstiges
77 Psychologie > 77.84 Krisenbewältigung
AC Number: AC14496859
Item ID: 49558
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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