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Subjektive Verstehensform oder objektive Prägung des Kosmos?

Reiner, Albert (2015) Subjektive Verstehensform oder objektive Prägung des Kosmos?
Diplomarbeit, Universität Wien. Katholisch-Theologische Fakultät
BetreuerIn: Langthaler, Rudolf

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URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-29490.46523.523161-1
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Abstract in Deutsch

Angesichts verbreiteter reduktionistisch-materialistischer Entwürfe legten im Abstand von mehr als drei Jahrzehnten sowohl Robert Spaemann (gemeinsam mit seinem Co-Autor Reinhard Löw) als auch Thomas Nagel dezidiert teleologische Konzeptionen vor, die den Gegenstand der vorliegenden Studie bilden: Ausgehend von einer genauen, die Auslegung problematischer Passagen einschließenden und terminologische Unschärfen klärenden Nachzeichnung der beiden Positionen in ihrer zuletzt fassbaren Gestalt soll der Versuch einer Verhältnisbestimmung unternommen werden, wobei auf etwa greifbare Positionskorrekturen hinzuweisen, von der breiten Raum einnehmenden Auseinandersetzung der Autoren mit anderen Positionen aber abzusehen ist. Die Spaemann’sche Teleologiesicht ist v. a. in dessen gemeinsam mit Reinhard Löw verfassten, im Wesentlichen aber auf Vorlesungen Spaemanns im Jahr 1976/77 zurückgehenden Buch "Die Frage Wozu?" (1981), das zuletzt unter dem Titel Natürliche Ziele neu herausgebracht wurde (2005), enthalten. — Ausgehend vom je in seiner Umwelt sich findenden und nach einem adäquaten Verständnis der begegnenden Gegenstände der Erfahrung fragenden Individuum, erweist sich Spaemanns Teleologie als betont anthropomorphe, subjektive Verstehensweise. Ihr zentraler Begriff ist das «Selbstsein» des Individuums: Dieses wird, ausreichende Ähnlichkeit vorausgesetzt, in einem freien Akt der Anerkennung einem anderen Gegenstand zugesprochen, woraus die Forderung nach praktischer Achtung dieses anderen erwächst; theoretisch jedoch bleibt der Begriff weitgehend unbestimmt, dient der Status des Selbstseins doch dazu, die Innenseite von dessen Träger völlig zu verdecken: diese ist nämlich genauso unzugänglich wie sein inneres Telos, dem folglich keine reale, gar empirisch fassbare Wirksamkeit zukommt. — Die Möglichkeit einer Selbstkorrektur Spaemanns, der anscheinend eine ontologische Verankerung der Teleologie auf dem Niveau des bloßen Existierens angedacht hatte, und die Frage der Nähe des Spaemann’schen Selbstseins zur aristotelischen Entelechiekonzeption sowie zu Kants Naturzweckmäßigkeit werden (nebst einigen Detailfragen) eigens betrachtet. Mit "Mind and Cosmos" legte 2012 auch Thomas Nagel den Vorschlag einer auf Geistiges (im Gegensatz zum bloß Mentalen der früher in den Vordergrund gestellten Qualia) abzielenden, die gesamte Entwicklung des Kosmos umfassenden teleologischen Weltdeutung vor. Ihr liegt ein anspruchsvoller, auf Totalität des Verstehens zielender und als nicht teleologieneutral anzusehender Erklärungsbegriff zugrunde, der in Form der Konzepte von Naturordnung und Intelligibilität der Welt wie auch der getrennten Untersuchung von konstitutiver und historischer Fragestellung zu Bewusstsein, Wahrheitsfähigkeit und Wertbezogenheit die gesamte Argumentation bis hin zur abschließenden Teleologiekonzeption prägt. Diese erweist sich als eine zweifache: Zum einen bewirkt nämlich eine entstandenes Leben bereits voraussetzende, rein immanente Teleologie mittels des evolutionären Prozesses die Vermehrung objektiven, für jede Lebensform aber unterschiedlichen Wertes; zum anderen aber setzt Nagel eine davon zu unterscheidende, nicht mehr als rein immanente anzusprechende Teleologie an, die das Auftreten von Leben wie auch die Tendenz zur Höherentwicklung der Lebensformen erklärt, dazu aber bereits auf vorbiologisch-physikalischem Niveau wirksam sein muss und die teilweise Selbststeuerung der Entwicklung des Universums durch einen auf zahlreiche Individuen wertsensibler Arten verteilten Prozess zum Ziel hat. Angesichts bedeutender gemeinsamer Motive Spaemanns und Nagels wie auch signifikanter Unterschiede bis hin zu Gegensätzlichkeiten, die sich freilich als Folge unterschiedlicher Fragestellungen verstehen lassen, ergeben sich wechselseitige Anfragen der beiden Positionen, die insbesondere die Wirksamkeit des Telos sowie die Sinnhaftigkeit rein immanenter Teleologie betreffen. Schließlich eröffnet die spezifische Form der Unterschiedlichkeit auch die Perspektive einer Synthese zumindest der Grundgestalten der beiden Teleologiekonzeptionen, in der die Spaemann’sche Sicht als synchrone Auslegung der nach Nagel als Teil eines diachronen kosmischen Entwicklungsprozesses aufgefassten, je momentanen Situation zu fungieren hätte.

Schlagwörter in Deutsch

Philosophie / Teleologie / Robert Spaemann / Thomas Nagel

Abstract in Englisch

Faced with a dominance of reductionist and materialistic world views, both Robert Spaemann (together with co-author Reinhard Löw) and Thomas Nagel, though separated by more than thirty years, proposed decidedly teleological conceptions: The characterization of these, as well as the elucidation of their relation, is the aim of the present study. To this end, we present a thorough reading of the relevant texts, clarifying some difficult passages as well as terminological issues and pointing out where self-corrections with respect to earlier publications can be made out, while setting aside the authors’ analyses of other positions. Spaemann’s teleological project goes back to lectures of 1976/77 that were published later, with Reinhard Löw as co-author, under the titles of "Die Frage Wozu?" (1981) as well as "Natürliche Ziele" (2005). — In his view, teleology appears as a pointedly anthropomorphic, subjective way of understanding one’s surroundings. Its central notion is that of «Selbstsein», denoting a quality of «being a self» such as the living individual invariably finds in its own inner experience: given sufficient similarity, it may transfer this status onto other elements of its surroundings and thereby acknowledge the other’s entitlement to practical consideration. Theoretically, however, the notion of «Selbstsein» remains largely undetermined: indeed, it merely serves as a placeholder for the inside of its bearer that is itself deemed inaccessible, just as no outward efficiency is attributed to the supposed inner telos of a «self». — The possibility of a self-correction with respect to a lecture where Spaemann considered an ontological foundation for teleology on the level of existence is considered in some detail, as is the relation of «Selbstsein» to Aristotelian entelechy and Kantian inner, or natural, purposiveness («Naturzweckmäßigkeit»). With "Mind and Cosmos" (2012), Thomas Nagel also proposed a teleological view of the cosmos that presents a striking contrast to his earlier, qualia based contributions to the mind-body problem. At the heart of his project lies a demanding notion of explanation aiming at a totality of understanding: It can be shown to be not neutral with respect to the question of teleology, and the consequences of its adoption can be traced — via the concepts of intelligibility and the natural order, as well as the separate consideration of the constitutive and historical questions regarding consciousness, cognition and value — through all of Nagel’s presentation up to and including his final, value-based teleological proposal. Here we distinguish two forms of teleology placed side by side: Firstly, for every living species there is a purely immanent conception of objective value the proliferation of which assumes the role of telos in one kind of teleology; it is effected by the usual evolutionary process and depends on life having arisen in due course of time. From this we distinguish a second, no longer purely immanent teleology that effects both the emergence of life and the trend to ever higher forms of life; its telos is that of the universe partially governing itself in a collective process spread over countless individuals of value-sensitive species. Considering both striking similiarities and significant differences (most of which can be traced to the different questions the authors want to answer) of the two positions just outlined, we present the mutual criticisms they afford, in particular those regarding the effectiveness of the telos and the status of a purely immanent teleology. Furthermore, the specific form the difference takes opens up the possibility for a unified conception including the basic traits of both Spaemann’s and Nagel’s points of view: In such a synthesis, Spaemann’s teleology would have to figure as a synchronous interpretation at every moment of the all-encompassing evolution of the cosmos as described by Nagel.

Schlagwörter in Englisch

philosophy / teleology / Robert Spaemann / Thomas Nagel

Dokumentenart: Hochschulschrift (Diplomarbeit)
AutorIn: Reiner, Albert
Titel: Subjektive Verstehensform oder objektive Prägung des Kosmos?
Untertitel: zum Verhältnis der Teleologiekonzeptionen Robert Spaemanns und Thomas Nagels
Umfangsangabe: 114 Seiten
Institution: Universität Wien
Fakultät: Katholisch-Theologische Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw.
Universitätslehrgang (ULG):
Diplomstudium Katholische Fachtheologie
Publikationsjahr: 2015
Sprache: ger ... Deutsch
BetreuerIn: Langthaler, Rudolf
BeurteilerIn: Langthaler, Rudolf
Klassifikation: 08 Philosophie > 08.25 Zeitgenössische westliche Philosophie
AC-Nummer: AC13229716
Dokumenten-ID: 41072
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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