Universitätsbibliothek Wien

Falsche Griechen und hellenisierte Barbaren

Söllradl, Bernhard (2015) Falsche Griechen und hellenisierte Barbaren.
Diplomarbeit, University of Vienna. Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
BetreuerIn: Danek, Georg

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DOI: 10.25365/thesis.38539
URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-29772.25180.344461-5

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Abstract in German

Wer waren die Griechen? Die Frage scheint unverfänglich, birgt jedoch unerwartete Tücken. Seit John Myres seine monumentale Studie mit dem Titel Who were the Greeks?(1930) publiziert hat, hat sich in der Forschungswelt die Meinung herausgebildet, dass es sich bei den alten Griechen um eine überaus heterogene ethnische Gruppe mit gemischten Wurzeln handle, die zahlreiche Dialekte einer nicht standardisierten Sprache spreche, Kulte und Rituale verschiedenster Herkunft praktiziere und keine einheitliche Kultur erkennen lasse. Vor diesem Hintergrund muss überraschen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Griechen selbst gewusst zu haben scheinen, auf wen die Bezeichnung "Grieche" zutraf und auf wen nicht. In Kapitel 1 ("Griechische Identität(en) - Eine Annäherung") meiner Arbeit betrachte ich kulturelle Identitäten nicht als empirisch messbare Kategorien, sondern als sozial konstruiert. Ich argumentiere, dass bereits in archaischer Zeit eine griechische Identität entwickelt wurde, die nach den Perserkriegen für das politisch-ideologische Konstrukt des Panhellenismus instrumentalisiert wurde. Literarische Texte haben zu allen Epochen in der Konstruktion von griechischer Identität eine zentrale Rolle eingenommen und sie immer wieder neu beurteilt und modifiziert. Es erscheint daher sinnvoll, die Fragestellung "Wer waren Griechen?" durch Fragen wie "Welches Bild machten sich die Griechen von sich selbst?" und "Welchem Wandel war dieses Bild im Laufe der Jahrhunderte unterworfen?" zu ersetzen. Kapitel 2 ("Herodots Weltkarte der Kulturen: Ethnographie, Ideologie und die Konstruktion von Identität(en)") widmet sich Herodot, der als erster Autor der westlichen Tradition die damals bekannte Welt als Ganzes in den Blick nimmt und einer empirisch-wissenschaftliche Beschreibung unterzieht. Die dabei entworfene cultural map dient den Griechen fortan als Ausgangs- und Orientierungspunkt, um ihre eigene Stellung in der antiken Welt im Verhältnis zu anderen Völkern und Kulturen zu definieren und zu beurteilen. Trotz der deutlich hellenozentrischen Perspektive vermeiden die Historien eine klischeehafte Zeichnung von Griechen und Barbaren, sondern bemühen sich um eine ausgewogene und faire Darstellung, die bei zeitgenössischen und späteren Autoren jedoch häufig auf vereinfachende Stereotypen reduziert wurde. In Kapitel 3 ("Die Rezeption herodoteischer Identitätskonzepte im griechischen Roman") untersuche ich die Rezeption von Herodots cultural map bei Autoren wie Chariton und Heliodor. Der Vergleich bietet sich an: Neben Epos und Drama ist Historiographie eine Hauptquelle für den Roman und es steht anzunehmen, dass die Romanautoren neben Charakteren und Schauplätzen auch Ideen und Teile des Weltbilds der Historiker übernommen haben. Konkret überprüfe ich die These, dass sich die Romanautoren in ihren Konstruktionen von griechischer Identität permanent im Dialog mit Herodot befinden und dessen Identitätskonzepte re- oder dekonstruieren. Ich diskutiere in diesem Zusammenhang das Selbstbild der Autoren und ihres Publikums, den diachronen Wandel von Identitätskonstruktionen und das Fortleben der Dichotomie von Griechen und Barbaren. Meine Forschungsergebnisse sollen dem Leser erlauben, ein Bewusstsein für den Wandel des griechischen Selbst- und Fremdbildes im Laufe der Zeit zu entwickeln und identitätsstiftende Prozesse in verschiedenen Epochen der griechischen Geschichte besser zu verstehen. Letzten Endes will die Arbeit aber vor allem ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es sich bei der griechischen Identität (wie bei allen kulturellen Identitäten) zwangsläufig immer um ein instabiles, inkonsistentes und interpretierbares Konstrukt handeln muss.

Schlagwörter in Deutsch

Griechische Identität / Identitätstheorie / Griechische Historiographie / Herodot / 2. Sophistik / Griechischer Roman / Herodotrezeption / Chariton / Achilleus Tatios / Xenophon von Ephesos / Heliodor / Griechen und Barbaren

Item Type: Hochschulschrift (Diplomarbeit)
Author: Söllradl, Bernhard
Title: Falsche Griechen und hellenisierte Barbaren
Subtitle: Studien zur griechischen Identität bei Herodot und im griechischen Roman
Umfangsangabe: 155 Seiten
Institution: University of Vienna
Faculty: Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw.
Universitätslehrgang (ULG):
Lehramtsstudium UF Griechisch UF Latein
Publication year: 2015
Language: ger ... Deutsch
Supervisor: Danek, Georg
Assessor: Danek, Georg
Classification: 17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.70 Literaturwissenschaft: Allgemeines
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.75 Literaturkritik
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.80 Literarische Gattungen: Allgemeines
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.81 Epik, Prosa
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.93 Literarische Stoffe, literarische Motive, literarische Themen
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.94 Literarische Einflüsse und Beziehungen, Rezeption
15 Geschichte > 15.01 Historiographie
15 Geschichte > 15.27 Griechische Welt
AC Number: AC12657018
Item ID: 38539
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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