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Steyregg-Windegg

Maurer, Jakob (2012) Steyregg-Windegg.
Diplomarbeit, Universität Wien. Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
BetreuerIn: Urban, Otto Helmut

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URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-29942.53312.245661-7
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Abstract in Deutsch

Der durch eine Forschungsgrabung in den Jahren 2000-2002 ausschnittsweise untersuchte Fundplatz Steyregg-Windegg wurde im Mittelneolithikum sowie in der Zeit der Münchshöfener Kultur, der Chamer Kultur und der Urnenfelderkultur zu Siedlungszwecken genutzt. Das mittelneolithische Fundmaterial – in dieser Arbeit in Katalogform vorgelegt, aber nicht systematisch ausgewertet – stammt größtenteils aus der Verfüllung einer großen Lehmentnahmegrube und wird wichtige Aussagen zum Zusammenspiel und zur Relativchronologie östlicher und westlicher Kulturerscheinungen liefern, da es sowohl Keramik der Lengyel-Kultur (MOG IIa) als auch Keramik des Südostbayrischen Mittelneolithikums umfasst. Überdies wurden im selben Grubenkomplex auch Fragmente gefunden, die stilistisch bereits zu einer „Initialphase“ der Münchshöfener Kultur überleiten könnten. Sie werfen möglicherweise ein seltenes Schlaglicht auf die Entstehung dieser Kultur, deren Anwesenheit in Steyregg-Windegg durch einige (mutmaßlich jüngere) furchenstichverzierte Keramikbruchstücke mit Streufundcharakter auch eindeutig nachgewiesen ist. Die Siedlung des frühen Endneolithikums von Steyregg-Windegg, auf die sich die vorliegende Arbeit konzentriert, ist hingegen vor allem aufgrund des ehemaligen Begehungsniveaus interessant, das sich relativ großflächig erhalten hat und in der Befundqualität innerhalb der Chamer Kultur bislang nur in Dietfurt an der Altmühl eine Parallele findet. Es ist anzunehmen, dass Strukturen, die sowohl in Dietfurt als auch in Windegg entdeckt wurden, in vielen anderen Chamer Siedlungen nur erosionsbedingt nicht vorhanden sind. So existieren beispielsweise flache, vermutlich nicht intentionell angelegte Gruben und rechteckige Steinpflaster mit Lehmplattenresten, die als Unterbau von Feuerstellen, vielleicht von Kuppelöfen, anzusprechen sind. Für Gedankenspiele zur Beschaffenheit der Häuser müssen jedoch Indizien von anderen Fundstellen herangezogen werden, da die wenigen Pfostengruben von Steyregg-Windegg keine klaren Grundrisse erkennen lassen. Die systematische Zusammenstellung von Hüttenlehmfunden zeigt hierbei, dass in der Chamer Kultur besonders häufig parallele Rundholzabdrücke mit einem Durchmesser von 3-7 cm aufgefunden werden, die am ehesten zu horizontal aufgeschichteten, an senkrechten Hölzern befestigten Prügelwänden gehören könnten, oder eventuell zu senkrechten Stangenwänden. Beide Konstruktionsweisen lassen sich zeitgenössisch auch in der Goldberg III-Gruppe wiederfinden, was als vorsichtige Unterstützung für die Theorie von Th. Gohlisch gewertet werden kann, wonach in Dietfurt – und analog dazu auch in Windegg – vielleicht am ehesten mit kleinen rechteckigen Häusern mit zentraler Feuerstelle zu rechnen wäre, wie sie aus manchen Feuchtbodensiedlungen des Federseegebiets bekannt sind. Beim Versuch, die Befunde von Steyregg-Windegg in dieses hypothetische Modell einzufügen, zeigt sich für den Nordteil der Grabungsfläche ein in sich stimmiges Gesamtbild mit zwei schräg versetzt nebeneinander angeordneten Häusern, wobei sich im südlichen Bereich des einen dieser Häuser eine Aktivitätszone befindet, die durch liegengebliebene Steinwerkzeuge und erodierte Keramik gekennzeichnet ist. Vermutlich außerhalb der Gebäude liegen mögliche Abfallzonen mit scharfkantigen Silexresten. Der Südteil der Grabungsfläche entzieht sich hingegen einer sinnvollen Rekonstruktion, was vielleicht auf eine Mehrphasigkeit desselben und auf einen früheren Beginn der Bautätigkeit hinweisen könnte. Als in diesem Bereich bereits gewohnt wurde, hätten sich knapp nördlich davon möglicherweise nur einige flache Gruben sowie ein ovaler Erdkeller befunden, die im Zuge der Vergrößerung des Dorfes wenig später verfüllt und überbaut wurden. Umfang und Beschaffenheit des endneolithischen Fundspektrums – es sind darin unter anderem auffallend viele unbeschädigte Steinbeilklingen und einige Scherbenlagen enthalten – weisen außerdem darauf hin, dass die Siedlung insgesamt wohl nur einige Jahre Bestand hatte und höchstwahrscheinlich abgebrannt ist. Danach dürften allerdings zumindest noch Aufräumarbeiten durchgeführt worden sein, wie sich etwa aufgrund der Entdeckung eines Dolchmessers mit verkohltem Holzgriff in einer Pfostengrube vermuten lässt. In topografischer Hinsicht zeigt sich für die Fundstellen der Chamer Kultur in Oberösterreich ein mit der Jevišovice-Kultur in Niederösterreich und der Chamer Kultur im bayrischen Donautal vergleichbares Bild mit seltenen Flachlandsiedlungen sowie einer Vorliebe für eben zugängliche, wohl meistens durch Grabenanlagen befestigte Geländezungen. Steyregg-Windegg fällt hier insofern etwas aus dem Rahmen, als der Geländesporn mit der Fundstelle durch die Lage am Hang von oben einsehbar ist. Vielleicht waren in diesem Fall bei der Auswahl des Siedlungsplatzes die Nähe zu gutem Ackerland und die Position knapp über dem Donautal wichtiger als die Suche nach einer verteidigungstechnisch günstigeren Lage. Bei der Analyse des Fundmaterials von Steyregg-Windegg war vor allem der Vergleich mit der Keramik der nur wenige Kilometer entfernten Siedlung Steyregg-Pulgarn von Interesse, der eine unabhängige Diskussion und Kontrolle verschiedener relativchronologischer Systeme ermöglichte. Beide Fundstellen sind in typologischer Hinsicht eindeutig der Chamer Kultur zuzuweisen, wobei die kombinatorische Betrachtung zeigt, dass Windegg in die ältere Chamer Kultur nach I. Burger beziehungsweise in die Inventargruppe A nach I. Matuschik datiert – die Existenz dieser Phase ist damit erstmals auch außerhalb der bayrischen Donauregion nachgewiesen. Die Siedlung von Pulgarn dürfte demgegenüber am ehesten einer mittleren Entwicklungsstufe der Chamer Kultur angehören, kann aber nicht eindeutig in das Schema von Matuschik eingeordnet werden. Dies lässt zumindest für den oberösterreichischen Zentralraum die Anwendbarkeit seiner Unterteilung in Inventargruppe B und C als unsicher erscheinen, könnte unter Umständen aber auch auf allgemeine Probleme mit der Inventargruppe B oder mit der Fundstelle Piesenkofen zurückgehen. In absoluten Jahren dürfte die typologische Datierung von Windegg und Pulgarn am ehesten dem 31./30. beziehungsweise dem späten 30./29. Jahrhundert v. Chr entsprechen. Eine spannende Beobachtung ist des Weiteren, dass sowohl in Windegg als auch in Pulgarn neben einzelnen Bezügen zur Jevišovice-Kultur auch Keramik der späten Badener Kultur vorhanden ist, die in der Machart teilweise lokale Züge zeigt, teilweise aber auch fremdartig und außerordentlich gut verarbeitet wirkt. Dies könnte einen Hinweis auf direkte oder indirekte Kontakte, vielleicht auch auf den Transfer von Personen geben. Außerdem ermöglicht die Vorlage von Windegg eine etwas bessere Beurteilung der von E. Ruttkay aufgrund von Radiokarbondaten aufgestellten Hypothese, wonach am Mond- und Attersee mit der Anwesenheit der frühen Chamer Kultur zu rechnen wäre: Es ist festzustellen, dass diese Vermutung mit dem derzeit bekannten Fundmaterial nicht sicher beweisbar ist und die betreffende Besiedlungsphase beispielsweise auch zu einem späten Horizont der Mondsee-Gruppe gehören könnte. Ähnlich unklar ist im Übrigen auch die kulturelle Zuweisung von leistenverzierter Keramik aus Höhensiedlungen der Mondsee-Gruppe. Außer der Keramik wurden vom endneolithischen Fundmaterial von Steyregg-Windegg auch die Steinbeile vollständig aufgenommen, wobei sich im metrischen Vergleich mit jungneolithischen Exemplaren eine Tendenz in Richtung geraderer Schneiden und etwas rechteckigerer Grundformen erkennen lässt. Besonders interessant sind dabei der ähnliche Querschnitt mancher Stücke, der eventuell auf die Nutzung derselben Schäftung hinweisen könnte, sowie ein Beil aus Sillimanit, einem Rohstoff, der bislang vor allem aus der Jevišovice-Kultur bekannt war. Von den Silexfunden – die wie in Pulgarn ausschließlich aus lokalem Material bestehen – sticht vor allem ein Hornsteinmesser mit Resten des zugehörigen Eichenholzgriffes ins Auge. Zusätzlich zu den neolithischen Befunden wurden in Steyregg-Windegg auch noch eine urnenfelderzeitliche Grube sowie ein neuzeitlicher Sammelbrunnen dokumentiert.

Schlagwörter in Deutsch

Oberösterreich / Linz / Steyregg-Windegg / Höhensiedlung / Mittelneolithikum / Lengyel-Kultur / Oberlauterbacher-Gruppe / Münchshöfener Kultur / Spätneolithikum / Endneolithikum / Chamer Kultur / Begehungsniveau / Erdkeller / Speichergrube / Steinpflaster / Feuerstellen / Kuppelöfen? / Gebäuderekonstruktion / Hüttenlehm / Goldberg III-Gruppe / Siedlungsplan / Fundverteilung / Siedlungsentwicklung / Chronologiesy

Abstract in Englisch

The archeological site of Steyregg-Windegg in Upper Austria, which was partly excavated from 2000 to 2002, was used for settlement purposes during a succession of periods: the Austrian and Bavarian Middle Neolithic, the Münchshöfen culture, the Cham culture and the Urnfield culture. Most of the Middle Neolithic finds – which are presented as a catalogue in this diploma thesis, but are still waiting for a detailed analysis – were discovered in the backfill of a clay pit. As they include pottery of the Lengyel culture (MOG IIa) as well as pottery of the South-East Bavarian Middle Neolithic (SOB), their future evaluation will supply us with detailed information about the interaction and relative chronology of eastern und western cultural phenomena. Other finds from the same pit comprise ceramics, which might stylistically lead up to an initial phase of the Münchshöfen culture. Possibly they will turn out to give us a rare insight into the genesis of this culture, whose presence in Steyregg-Windegg is also attested by several (presumably more recent) stray finds with incised-punctated decoration. In contrast the Final Neolithic settlement of Steyregg-Windegg, on which this paper is focused, is exciting mainly because of its surface level, which is quite extensive and well preserved. Its only analogy of similar quality within the Cham culture is the site of Dietfurt an der Altmühl. It is likely that without soil erosion, structures that were found both in Dietfurt and in Windegg would be present in many other Cham culture settlements as well. This applies for instance to shallow pits most probably not deliberately created as well as to rectangular stone pavements, which belong to the foundation of fireplaces, perhaps to cupola ovens. However, the site does not give us clear ideas on the appearance of the houses, as the small number of post holes at Steyregg-Windegg do not show a clear outline, so we have to look for evidence from elsewhere. A systematical literature research for burnt daub from Cham culture locations indicates a high frequency of impressions of parallel round wood stakes with a diameter of 3-7 cm, which most likely belong to horizontally stacked pole walls fastened onto vertical posts, or maybe to vertical pole walls. Both construction methods are known from the contemporary Goldberg III-group, a fact that can be seen as a cautious backing of the theory of Th. Gohlisch, according to which the houses at Dietfurt – and similarly at Windegg – perhaps were small and rectangular and had a central fireplace like some houses of the Goldberg III-group in the Federsee region. The attempt of matching this hypothetical model to the archaeological record of Steyregg-Windegg shows a consistent overall picture for the northern part of the excavation trench with two houses offset at an angle side by side next to each other. In the southern part of one of these houses there is an activity area marked by stone tools and eroded pottery. Waste zones with sharp-edged pieces of flint are presumably situated outside the buildings. On the other hand, the southern area of the excavation does not permit a reasonable reconstruction, which might be taken to indicate a multiphase development and an earlier start of construction in this area of the trench. At a time when this sector would already have been used for habitation, the zone just north of it probably only contained an oval storage pit and several shallow pits, that were filled up and built over when the settlement expanded soon after. Scope and nature of the Final Neolithic finds – they include for instance a remarkable number of unbroken flat axes and several concentrations of ceramic shards – suggest that the settlement existed only a few years and was most likely destroyed by a fire. Nevertheless, discoveries like a chert knife with a charred wooden handle, which was found inside a post hole, seem to be evidence for a clean-up operation after this catastrophic event. With regard to the topographical position, the archaeological sites of the Cham culture in Upper Austria present a picture similar to the Jevišovice-culture in Lower Austria and the Cham culture in the Bavarian Danube region with a rare appearance of lowland-settlements and a preference for evenly accessible promontory sites. In this respect Steyregg-Windegg is noteworthy, as the promontory with the settlement is situated on a slope and can be observed from above. Probably in this case the existence of fertile soil nearby and the position overlooking the Danube valley was more important than the search for a location more easily defended. A matter of particular interest is the comparison of the materials found in Steyregg-Windegg with pottery excavated at the distance of just a few kilometers, in the settlement of Steyregg-Pulgarn. On a typological basis either group of finds can be assigned to the Cham culture for certain, which paves the way for an independent review of different systems of relative chronology. The results clearly illustrate that Windegg belongs to the elder Cham culture defined by I. Burger respectively to the “Inventargruppe A” of I. Matuschik – it’s the first time the existence of this phase has been proved outside the Bavarian Danube region. The settlement of Pulgarn, however, seems to belong to a middle phase of the Cham culture, but can’t be fitted into the schematic chronology of Matuschik with absolute confidence. This indicates that at least in central Upper Austria the applicability of his distinction between “Inventargruppe B” and “Inventargruppe C” remains uncertain, but it might also be evidence of general problems with “Inventargruppe B” or with the dating of the site of Piesenkofen. In absolute years the typological dating of Windegg and Pulgarn probably corresponds to the 31st/30th and to the late 30th/29th centuries BC respectively. It is also interesting to note that there are not only ceramic finds related to Jevišovice-culture, but also fragments attributable to the late Baden culture in both Windegg and Pulgarn. The workmanship of this pottery partly looks like the typical local style and partly foreign and especially well made, which might indicate direct or indirect contacts or a transfer of people. Additionally, the evaluation of Windegg also allows for a better assessment of the assumption of E. Ruttkay, that the early Cham culture is present in some lakeside-sites on the Attersee and the Mondsee: It should be noted that this hypothesis based on radiocarbon dates cannot be verified at the moment and that the phase of settlement in question could – for example – also belong to a late horizon of the Mondsee-group. Similarly, the attribution of pottery with notched cordons from several hilltop-sites of the Mondsee-group remains uncertain. Apart from the pottery, the flat stone axes of the Final Neolithic from Steyregg-Windegg have been documented as a whole. Their metrical analysis, compared to axes of the Mondsee-group, shows a trend towards straighter cutting edges and somewhat more rectangular basic forms. A special point of interest are some pieces with matching cross-sections that could be explained by their having been fitted to the same handle, and one axe made of sillimanite, a raw material which until now has been known mainly from the Jevišovice-culture. Among the silex finds – which like in Pulgarn consist only of local material – the main eye catcher is a hornstone knife with remains of an oaken handle. In addition to the Neolithic structures the excavation of Steyregg-Windegg has also yielded a pit dating to the Urnfield culture and a modern collector well.

Schlagwörter in Englisch

Upper Austria / Linz / Steyregg-Windegg / hill-top site / Middle Neolithic / Lengyel culture / Oberlauterbach group / Münchshöfen culture / Late Neolithic / Final Neolithic / Cham culture / surface level preserved / storage pit / stone pavements / fireplaces / cupola ovens? / reconstruction of buildings / daub / Goldberg III-group / settlement plan / distribution of finds / settlement development / chronological syst

Dokumentenart: Hochschulschrift (Diplomarbeit)
AutorIn: Maurer, Jakob
Titel: Steyregg-Windegg
Untertitel: eine Siedlung der Chamer Kultur - Struktur und Fundmaterial ; mit einem Anhang der mittelneolithischen Funde
Umfangsangabe: 277 S. : Ill., graph. Darst., Kt.
Institution: Universität Wien
Fakultät: Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Publikationsjahr: 2012
Sprache: ger ... Deutsch
BetreuerIn: Urban, Otto Helmut
BeurteilerIn: Urban, Otto Helmut
Klassifikation: 15 Geschichte > 15.15 Archäologie
15 Geschichte > 15.19 Vor- und Frühgeschichte
06 Information und Dokumentation > 06.99 Information und Dokumentation: Sonstiges
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.00 Geisteswissenschaften allgemein: Allgemeines
02 Wissenschaft und Kultur allgemein > 02.00 Wissenschaft und Kultur allgemein: Allgemeines
AC-Nummer: AC10685974
Dokumenten-ID: 23850
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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