Universitätsbibliothek Wien

Partizipation im Gesundheitsdiskurs

Marent, Benjamin (2012) Partizipation im Gesundheitsdiskurs.
Dissertation, University of Vienna. Fakultät für Sozialwissenschaften
BetreuerIn: Forster, Rudolf
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URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-30360.22894.486362-9
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Abstract in German

Hintergrund: Die vermehrten Forderungen nach Partizipation werden auf zentrale gesellschaftliche Veränderungen zurückgeführt und anhand des Gesundheitsdiskurses rekonstruiert. Im Gesundheitsdiskurs lassen sich demokratische wie utilitaristische Argumente für Partizipation finden, aber der Begriff und die mit ihm verbundenen Praktiken werden auch zur Adresse für harsche Kritik. Partizipation gilt demgemäß als unzureichend – ohne Referenz auf die allgemeine sozialwissenschaftliche Theoriebildung – konzeptualisiert, inkonsistent verwendet und letztlich nur normativ begründet. In der Unbestimmtheit des Begriffs ergeben sich Unsicherheiten in der Umsetzung und es besteht die Gefahr, dass Partizipation zum schlichten Label von Maßnahmen wird, die der Forderung nach Mitbestimmung und Mitentscheidung keineswegs gerecht werden. Für die Forschung ergeben sich aus der Unbestimmtheit des Begriffs Probleme der Messbarkeit und Vergleichbarkeit partizipativer Maßnahmen und es fehlt daher an robuster Evidenz über positive wie negative Effekte von Partizipation. Sherry Arnstein hat Ende der 1960er Jahre vorgeschlagen, Partizipation an Entscheidungen anhand eines achtstufigen Leiterkontinuums zu differenzieren. An diesem Vorschlag hat sich seither die weitere Modell- und Methodenentwicklung in der Partizipationsliteratur orientiert. Das Leiterkontinuum wurde für diverse Settings (ausschließlich Organisationen) spezifiziert, fand neue Bezeichnungen für die einzelnen Sprossen, wurde anderes (durch mehr oder weniger Sprossen) differenziert, wurde insofern relativiert (indem es, um die einzelnen Sprossen weniger normativ gegeneinander auszuspielen, in Kreisform gebracht wurde) und wurde schließlich auch zur Adresse einer grundsätzlichen Kritik. Allerdings findet sich in der Partizipationsliteratur kein adäquat formulierter Vorschlag, wie Partizipation an Entscheidungen anders begriffen werden könnte. Zielsetzung: Vor diesem Hintergrund wird das Ziel verfolgt, den Stand der sozialtheoretischen Konzeptualisierung von Partizipation darzulegen und anhand eines kommunikationstheoretischen Zugangs ein erweitertes Verständnis der Teilnahme an Entscheidungsprozessen vorzuschlagen. Dieser neue Konzeptualisierungsversuch wird für Organisationssysteme als wichtiges Setting der Gesundheitsförderung bzw. -versorgung spezifiziert. Vorgehensweise: Zunächst wird eine systematische Literaturrecherche unternommen, um relevante sozialtheoretische Perspektiven auf partizipative Praktiken der Gesundheitsförderung respektive -versorgung zu identifizieren. Es wird herausgearbeitet, welche zentralen Fragestellungen des Partizipationsdiskurses anhand theoretischer Perspektiven bereits adressiert wurden und inwiefern sich diese theoretischen Perspektiven von jenen etablierter Partizipationsmodelle unterscheiden. Da die Frage der Entscheidungsbeteiligung nicht ausreichend durch bereits entwickelte theoretische Ansätze ausgearbeitet wurde, wird eigenständig ein kommunikations- bzw. systemtheoretischer Zugang entwickelt. Dieser wird schließlich für den Kontext von Organisationssystemen spezifiziert. Ergebnisse: Durch die systematische Literaturrecherche wurden unterschiedliche theoretische Perspektiven auf Partizipation identifiziert und einander gegenübergestellt. Dabei zeigt sich, dass jede Theorie zur Beschreibung nicht nur einen spezifischen Ausschnitt des Phänomens wählt, sondern auch einen höchst kontingenten Zugang zu diesem entwickelt. Die Literaturrecherche führt damit eine wichtige Dimension von Theoriearbeit vor Augen, nämlich, dass eine solche Arbeit stets das Bewusstsein und die Reflexion von alternativen Möglichkeiten erfordert. Im Gegensatz zu Modellen und Methoden zur Partizipation zeichnen sich sozialtheoretische Ansätze dadurch aus, dass sie Partizipation in Relation zu einem gesellschaftlichen Kontext setzen und dadurch spezifische – oft verborgene – Rationalitäten und Funktionen partiziativer Praktiken dekonstruieren. Darüber hinaus wird der Relevanz von Laienwissen und seiner Eingebundenheit in lebensweltliche Erfahrungen nachgegangen. Das Leiterkontinuum wird von sozialtheoretischen Perspektiven um ein Prozessverständnis ergänzt. Dabei werden einerseits Mechanismen dargestellt, die einen kommunikativen Austausch sicherstellen können und andererseits ein Verständnis über die Konfliktpotentiale dieser Prozesse erarbeitet. Unter Rückgriff auf den systemtheoretischen Sinnbegriff und dessen Horizonte wird das bestehende Verständnis von Entscheidungsbeteiligung erweitert. Entscheidungsprozesse können in unterschiedliche Phasen unterteilt werden (Zeitdimension); in den jeweils unterschiedlichen Phasen können Laien ihr Wissen und ihre Erfahrungen (Sachdimension) einbringen und/oder es kann ihnen die Entscheidungsmacht zukommen, die Alternativen zu selektieren und dadurch den weiteren Entscheidungsverlauf zu kontrollieren (Sozialdimension). Dabei wird der Fokus auf Entscheidungsmacht, der seit Arnstein die Diskussion beherrscht, um zwei weitere Aspekte, nämlich das Wissen der Akteure und die unterschiedlichen Phasen von Prozessen, ergänzt. Diese Definition von Partizipation wird für den Kontext von Krankenbehandlungsorganisationen spezifiziert. Dabei werden Rollen identifiziert, welche Laien in diesen Organisationen den Zugang zu Entscheidungsprozessen ermöglichen können. Es wird nachgezeichnet, welche Funktion Laienpartizipation innerhalb organisationaler Abläufe erfüllen und anhand welcher Strategien deren Partizipation gefördert und entwickelt werden kann. Schlussfolgerung und Ausblick: Eine differenzierte begriffliche Unterscheidung von Partizipation an Entscheidungsprozessen bildet gewissermaßen das Kernstück der Forschung zu Partizipation in der Gesundheitsförderung und -versorgung. Auf der einen Seite dieses Kernstücks findet Forschung statt, die untersucht, welche Bedingungen Partizipation ermöglichen, und auf der anderen Seite beschäftigt sich Forschung mit der Frage, welche Effekte durch Partizipation erzielt werden (können). Für beide Seiten kann die Arbeit am Begriff einen wesentlichen Beitrag leisten. Einerseits kann durch eine differenzierte Begriffskonstruktion nachgezeichnet werden, welche Bedingungen welche spezifische Konfiguration (der drei Dimensionen) von Partizipation ermöglichen, und andererseits kann differenzierter der Frage nachgegangen werden, welche Effekte die jeweilige Konfiguration nach sich zieht. Die vorgeschlagene Begriffskonstruktion soll damit die weitere Konzeptentwicklung (Theorien, Modelle und Methoden) zu Partizipation ebenso anregen wie neue empirische Untersuchungen.

Schlagwörter in Deutsch

Partizipation / Gesundheitsförderung / Systemtheorie / Theorie / Organisation / Entscheidung

Schlagwörter in Englisch

participation / health promotion / systems theory / theory / organization / decision

Item Type: Hochschulschrift (Dissertation)
Author: Marent, Benjamin
Title: Partizipation im Gesundheitsdiskurs
Subtitle: eine theoretische Begriffs(re)konstruktion
Umfangsangabe: 119 S. : graph. Darst., Kt.
Institution: University of Vienna
Faculty: Fakultät für Sozialwissenschaften
Publication year: 2012
Language: ger ... Deutsch
Supervisor: Forster, Rudolf
Assessor: Forster, Rudolf
2. Assessor: Krajic, Karl
Classification: 71 Soziologie > 71.49 Soziale Prozesse: Sonstiges
89 Politologie > 89.99 Politologie: Sonstiges
70 Sozialwissenschaften allgemein > 70.00 Sozialwissenschaften allgemein: Allgemeines
AC Number: AC09428920
Item ID: 21017
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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