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Der Erwerb der Nominalmorphologie bei zwei Wiener Kindern:

Korecky-Kröll, Katharina (2011) Der Erwerb der Nominalmorphologie bei zwei Wiener Kindern:.
Dissertation, University of Vienna. Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
BetreuerIn: Dressler, Wolfgang

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DOI: 10.25365/thesis.18955
URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-29980.80919.716353-3

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Abstract in German

Anhand der longitudinalen Spontansprachkorpora zweier Wiener Kinder (des Buben Jan im Alter von 1;3 bis 6;0 und des Mädchens Katharina im Alter von 1;6 bis 3;0) und ihrer Mütter untersucht diese Arbeit den Erwerb der wichtigsten Kategorien der deutschen Nominalmorphologie (Genus, Numerus, Kasus, Diminutivbildung, Komposition, Präfigierung, Suffigierung, Konversion und implizite Ableitung) im Rahmen der Natürlichkeitstheorie. Die Ergebnisse zeigen generelle Präferenzen für möglichst natürliche Kategorien und bestätigen weitgehend die Voraussagen der Natürlichen Morphologie. Interindividuelle Unterschiede zwischen den Kindern bestehen darin, dass Jan, der früh zu sprechen beginnt und eine segmentale Erwerbsstrategie verfolgt, zunächst Plural- und Kasusmarkierungen am Substantiv bevorzugt, während Katharina später zu sprechen anfängt und als prosodisch orientiertes Kind zuerst Artikel als Genus-, Numerus- und Kasusmarker verwendet. Da das Genus eine sehr opake Kategorie mit vielen Synkretismen ist, beginnen beide Kinder mit einem chaotischen Genussystem. Während Katharinas Aufnahmen enden, bevor Genus als weitgehend erworben gelten kann, beherrscht Jan ab dem Alter von 2;6 das Natürliche Geschlechtsprinzip, und fast alle seiner verbleibenden Genusfehler können durch semantische oder phonologische Übergeneralisierungen erklärt werden. Innerhalb der Kategorie des Numerus zeigt sich ein gewisser Einfluss der lokalen Varietät auf die kindlichen Pluralübergeneralisierungen: Aufgrund mehrerer dialektaler Phänomene scheint der Nullplural im Wiener Deutsch einen großen Wirkungsbereich zu haben und wird daher von Kindern oft übergeneralisiert. Man findet keine Evidenz für einen -s-Defaultplural, denn -n- und -e-Übergeneralisierungen sind ebenfalls häufig und weisen auf verschiedene Subregularitäten im deutschen Pluralsystem hin. Doch der Nullplural kann zumindest als Notplural angesehen werden, der von Wiener Kindern und Erwachsenen dann verwendet wird, wenn ihnen der Zugriff auf eine existierende Pluralform nicht möglich ist. Die Kasusmarkierungen im Wiener Deutsch haben auch einige Besonderheiten, die den Kindern den Erwerb erschweren: So werden z. B. Akkusative und Dative auch in der Erwachsenensprache nicht immer klar unterschieden. Innerhalb der Diminutive sind besonders -i-Hypokoristika von Eigennamen relativ häufig. Erste pragmatische Kontraste von Diminutiven und ihren Simplizia treten schon mit 1;9 (bei Jan) und 2;0 (bei Katharina) auf. Als natürlichste Wortbildungskategorie des Deutschen werden Komposita von beiden Kindern bereits früh produktiv gebraucht. Besonders Jan, der die Komposition ab 1;8 anhand von verschiedenen Autobezeichnungen entdeckt, verwendet schon früh viele Neologismen und Ad-hoc-Komposita. Katharinas erste Komposita sind Formen mit Possessivbedeutung (z. B. Opa+auto mit 2;1). Während Substantivpräfigierungen im Deutschen sehr selten sind und bis zum Alter von 6 Jahren nicht produktiv verwendet werden, treten Suffigierungen deutlich früher auf: Besonders das -er-Suffix von Nomina agentis und instrumenti wird ab 1;9 produktiv und taucht auch in einigen Neologismen auf. Seltene Suffixe und Fremdsuffixe bleiben dennoch rote-learned. Morphologische und syntaktische Konversionen sowie implizite Ableitungen werden getrennt, aber innerhalb desselben Kapitels untersucht. Während implizite Ableitungen unproduktiv und immer rote-learned sind, findet man einige seltene Übergeneralisierungen von morphologischen Konversionen, und auch syntaktische Infinitiv- und Adjektivkonversionen werden ab 2;0 produktiv. Ein statistischer Vergleich aller Kategorien ergibt bei mehr als der Hälfte der Kategorien signifikante Zusammenhänge und zeigt, dass Kinder sich stark an den Verteilungen in ihrem mütterlichen Input orientieren, was für einen Spracherwerbsansatz spricht, der „usage-based“ und zugleich mit dem Modell der Prä- und Protomorphologie kompatibel ist.

Schlagwörter in Deutsch

Erstspracherwerb / Substantiv / Nomen / natürliche Morphologie

Abstract in English

On the basis of large longitudinal spontaneous speech corpora of two Viennese children (the boy Jan, aged 1;3 to 6;0, and the girl Katharina, aged 1;6 to 3;0) and their mothers, this study investigates the acquisition of the most important categories of German noun morphology (gender, number, case, diminutive formation, compounding, prefixation, suffixation, conversion, and implicit derivation) within the framework of Naturalness Theory. Results show general preferences for more natural categories and largely confirm the predictions of Natural Morphology. The following inter-individual differences appear: The early talker Jan, who adopts a segmental acquisition strategy, first prefers plural and case markings on nouns, whereas the late talker Katharina, who has a more prosodic approach, first uses determiners as gender, number and case markers. As gender is an opaque category with many syncretisms, both children start with a chaotic gender system. Whereas Katharina’s recordings end up before gender can said to be acquired, Jan masters the Natural Gender Rule from 2;6 onwards, and almost all of his remaining gender errors can be explained by semantic or phonological overgeneralizations. Within the category of number, the local variety seems to have an impact on the children’s plural overgeneralizations: Due to several dialectal phenomena, the zero plural has a wide scope in Viennese German and is therefore often overgeneralized by children. There is no evidence for a regular default -s plural because -n and -e overgeneralizations also occur frequently and point to several subregularities within the German plural system. But the zero plural can at least be regarded as an emergency plural used by Viennese children and adults when they are not able to retrieve a certain existing plural form. Case marking in Viennese German has also some special characteristics which make it difficult to acquire (e.g. accusatives and datives are not always clearly differentiated even in adult language). Among diminutives, mainly -i hypocoristics of proper names are relatively frequent in both corpora, and first pragmatic contrasts of diminutives and their corresponding simplex nouns emerge as early as 1;9 (in Jan) and 2;0 (in Katharina). As the most natural category of German word formation, compounds are used productively by both children very early. Especially Jan, who discovers compounding about different car names from 1;8 onwards, soon produces many neologisms and ad-hoc compounds. Katharina’s first compounds are forms with possessive meaning (e.g. Opa+auto ‘granddad car’ at 2;1). While noun prefixation is extremely rare in German and is not used productively up to age 6, suffixation is acquired much earlier: In particular, the -er suffix of instrument and agent nouns becomes productive from 1;9 onwards and also appears in neologisms. Rare and foreign suffixes nevertheless remain rote-learned. Morphological and syntactic conversion and implicit derivation are investigated separately, but within the same chapter. While implicit derivations are unproductive and always rote-learned, morphological conversions show some rare overgeneralizations, and syntactic infinitive and adjective conversions also become productive from 2;0 onwards. A statistical comparison of all categories yields significant correlations between more than half of the categories and shows that children are highly sensitive to the distributions in their mothers’ inputs, which favors a usage-based acquisition approach also compatible with the model of Pre- and Protomorphology in language acquisition.

Schlagwörter in Englisch

first language acquisition / noun / natural Morphology

Item Type: Hochschulschrift (Dissertation)
Author: Korecky-Kröll, Katharina
Title: Der Erwerb der Nominalmorphologie bei zwei Wiener Kindern:
Subtitle: eine Untersuchung im Rahmen der Natürlichkeitstheorie
Umfangsangabe: 1038 S. : graph. Darst.
Institution: University of Vienna
Faculty: Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Publication year: 2011
Language: ger ... Deutsch
Supervisor: Dressler, Wolfgang
Assessor: Dressler, Wolfgang
2. Assessor: Schaner-Wolles, Chris
Classification: 17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.31 Spracherwerb
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.55 Morphologie, Wortbildung
AC Number: AC09014933
Item ID: 18955
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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