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Genealogie von Netzwerkkonzepten

Penkler, Michael (2008) Genealogie von Netzwerkkonzepten.
Diplomarbeit, University of Vienna. Fakultät für Sozialwissenschaften
BetreuerIn: Gottweis, Herbert

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DOI: 10.25365/thesis.1889
URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-30061.42277.580459-7

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Abstract in German

Inner- und außerhalb der Sozialwissenschaften hat das Netzwerkkonzept in den letzten Jahrzehnten eine starke Konjunktur erfahren und ist zu einer dominanten Strukturbeschreibung unserer Gegenwart avanciert, aber auch ins Zentrum gesellschaftlicher Restrukturierungen gerückt. Scheint die Sicht auf Welt und Gesellschaft als Netzwerk auch als selbstevident, so beruht sie doch auf bestimmten historischen und epistemischen Vorraussetzungen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Voraussetzungen genealogisch zu erschließen. Das Mitte des 18. Jahrhunderts in der Naturgeschichte aufkommende abstrakte Netzwerkkonzept bezeichnet zunächst noch eine starre, unveränderliche Ordnung, in welche die Lebewesen sich ohne funktionalen Bezug zueinander einreihen. Mit einem Wandel der epistemischen Grundlagen des westlichen Denkens Anfang des 19. Jahrhunderts werden dann Konzeptionen von Netzwerken vorstellbar, in denen diese als Gesamtheiten funktionaler Relationen erscheinen und eine diskontinuierliche, dynamische Ordnung darstellen, die das Produkt tiefer liegender Erzeugungsprinzipien ist. Auch die Gefüge von Straßen, Kanälen, Verteidigungsanlagen und Blutgefäßen werden so als Netzwerke fassbar, in welchen die einzelnen Bestandteile ihre Funktion und ihren Stellenwert erst durch die Einbindung ins Ganze erhalten. Grundlage moderner Netzwerkkonzepte ist die Vorstellung eines die Netzwerkelemente verbindenden Flusses. Als zirkulierende Gefüge entwickeln Netzwerke eine ihnen eigene, wirkmächtige Dynamik. Damit diese sich entfalten kann, muss die Zirkulation reguliert und kontrolliert werden, ohne direkt in sie einzugreifen. Gleichzeitig wird unterstellt, dass die Netzwerken zugrunde liegende Logik des Flusses natürlichen, technischen und sozialen Phänomenen gemeinsam sei. Das Netzwerkkonzept wird so zum Ausgangspunkt biologistischer und vitalistischer Gesellschaftskonzeptionen, die Ausdruck einer liberalen Rationalität des Regierens sind. Im 20. Jahrhundert aufkommende Konzeptionen sozialer Netzwerke beruhen auf der Konstitution eines sozialen Raumes, in dem Gesellschaft als durch eine Gesamtheit konkreter Relationen gebildet erscheint. Das Soziale bestehe aus flüchtigen Prozessen, die erst in ihrer Verbindung und Verknüpfung in Netzwerken feste Strukturen und Ordnungseinheiten ergäben. Auch bei solchen Konzeptionen bleibt der Topos des Flusses und der einer vitalistischen Eigendynamik von Netzwerken erhalten. In der sozialen Netzwerkanalyse, die ab den 1970ern stark an Popularität gewinnt, werden durch die formelle Bestimmung von Netzwerken alle möglichen Phänomene als solche darstellbar. In ihrem Eigenverständnis eher eine Methode, führt die Netzwerkanalyse dennoch zu substantialistischen Auffassungen von Netzwerken, die (wie bei früheren Netzwerkkonzepten) utopisch-normativ aufgeladen sind. Gleichzeitig leistet die Netzwerkanalyse Deutungen des Sozialen Vorschub, die dieses als strategisches Handlungsfeld und Ressource begreifen. In der post-strukturalistischen Philosophie und der Actor-Network Theory dient das Netzbild der Darstellung einer nicht-reduktiven Logik und der Unterlaufung hegemonialer Kategorisierungen. In den 1990ern werden Netzwerke zunehmend als neue Formen gesellschaftlicher Steuerung aufgefasst. Das Netzwerkkonzept dient jedoch nicht nur der sozialwissenschaftlichen Beschreibung – es ist gleichzeitig in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Restrukturierungen gerückt und zentraler Bestandteil einer neuen Konfiguration der ideologischen Grundlagen des Kapitalismus geworden. Von hier aus ließen sich Netzwerkkonzepte als Regierungs- und Selbsttechnologien im Rahmen einer neuen Rationalität gesellschaftlicher Steuerung begreifen.

Schlagwörter in Deutsch

Netz / Netzwerk / Netzwerke / Netzwerkkonzept / Netzwerkkonzepte / Geschichte / Genealogie / Naturgeschichte / Netzwerkanalyse / Soziale / Netzwerke / Metapher / Gouvernementalität

Abstract in English

The concept of “the network” has experienced exponential growth, both inside and outside the social sciences. Not only has it become a predominant description of the structure of present-day societies, but also a crucial term in their reconstruction. While the description of social and other phenomena as networks appears to be self-evident, it nevertheless depends on certain historical and epistemic preconditions. The aim of this paper is to expose these preconditions through a genealogy of network concepts. The network developed as an abstract concept in the natural historic works of the 18th Century and initially denoted a rigid and immutable order in which creatures arrange themselves without any functional reference to one another. Based on a change of the foundations of western thought, at the beginning of the 19th Century, it became possible to conceptualize networks as a totality of functional relations. From then on, they could represent a discontinuous and dynamic order which is the product of more entrenched generating principles. The entirety of roads, channels, defensive fortifications and blood vessels became conceivable as a network in which the single constituents gain their function and significance through their integration as a whole. The foundation for the modern network concept comprises the notion of a flow that connects all the elements of a network. Networks as a circulating structure develop a specific dynamic of their own. To ensure the development of this dynamic, it is necessary to regulate and control the circulation without direct interference. In the same time, the assumption of a common network logic of natural, technical and social phenomena leads to biologistic and vitalistic conceptions of society which are the expression of a liberal governmentality. The in the first half of the 20th Century emerging concepts of social networks are based on the constitution of a social space in which society is conceived as the entirety of concrete relations. Conceived as such, the social seems to consist of ephemeral processes which only constitute firm social formations through their constant interlocking. The notion of a constitutive flow and vitalistic dynamics of networks is maintained in these notions. In Social Network Analysis, which rapidly gained popularity in the 1970s, all kinds of social phenomena become conceivable as a network due to a formal designation of the term. Rather a method than social theory, Social Network Analysis nevertheless leads to substantial conceptions of networks, which are (similar to earlier conceptions) normatively charged. At the same time, Network Analysis abets interpretations of the social as being a strategic field of action and a resource. In post-structural philosophy as well as in the actor-network theory the notion of network serves as a tool for the representation of a non-reductive logic and for the subversion of hegemonic categories. In the 1990s, networks were increasingly conceived as new modes of governing social action. But the concept of networks is not only used for the scientific description of society, it is also a strategic term in the present restructuring of society and a pivotal element of a new ideological configuration of capitalism. From here on, network concepts might be conceived as technologies of power and the self within the frame of a new rationality of governance.

Schlagwörter in Englisch

genealogy / network / concepts / networks / social / networks

Item Type: Hochschulschrift (Diplomarbeit)
Author: Penkler, Michael
Title: Genealogie von Netzwerkkonzepten
Umfangsangabe: 140 S.
Institution: University of Vienna
Faculty: Fakultät für Sozialwissenschaften
Publication year: 2008
Language: ger ... Deutsch
Supervisor: Gottweis, Herbert
Assessor: Gottweis, Herbert
Classification: 08 Philosophie > 08.32 Erkenntnistheorie
71 Soziologie > 71.02 Theorie der Soziologie
89 Politologie > 89.05 Politische Theorie
70 Sozialwissenschaften allgemein > 70.02 Philosophie und Theorie der Sozialwissenschaften
71 Soziologie > 71.01 Geschichte der Soziologie
15 Geschichte > 15.99 Geschichte: Sonstiges
AC Number: AC07113725
Item ID: 1889
(Das PDF-Layout ist ident mit der Druckausgabe der Hochschulschrift.)

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